Das schreibt die Presse über uns:

Jugendliche aus dem Jugendarrest Weimar
gingen im Rahmen eines Arbeitsprojektes in die Türmerstube der "Herderkirche" (eigentlich St. Peter und Paul oder Stadtkirche) und kratzen den Bauschutt vergangener Jahrzehnte aus den Ecken.


DIE BOJE e. V. kümmert sich um straffällig gewordene junge Menschen
"Nicht an die große Glocke gehängt" von Uta Schäfer


Ohne viel Getön geben Menschen auf der Basis christlicher Überzeugung Denkanstöße, die anderen zur Lebenshilfe werden. In Weimar verband sich dies mit praktischem Nutzen für die Kirchgemeinde. 

Die große Glocke gibt nur einen ganz zarten Laut von sich, wenn das dicke Seil sie berührt. Dann aber heißt es für Maik Vorsicht, denn ein neuer, voll mit Bauschutt gefüllter Eimer zwängt sich durch eine kleine Öffnung und saust von der darüber liegenden Türmerstube hinab. Er wird ihn abnehmen und an einen anderen Flaschenzug hängen, damit Thomas ihn noch eine Etage tiefer vom Haken löst. Sind auf diese Weise 20 bis 30 Eimer angelangt, kommen auch die anderen Jugendlichen hierher und helfen bei der nächsten Etappe mit: Eimer nach unten tragen und draußen in den bereitstehenden Container ausleeren. Dann beginnt alles von vorn. Drei gehen in die Türmerstube, kratzen Bauschutt und Dreck vergangener Jahrzehnte aus den Ecken, schippen ihn in Eimer und lassen sie hinab in die Tiefe des Turmes, dessen Baugeschichte mehr als 500 Jahre zurückreicht. Bauschutt in Türmen und auf Kirchenböden – ein Problem, das jede Kirchgemeinde kennt. Auch in zurückliegenden Jahrzehnten scheint die Kraft nicht gereicht zu haben, in den großen Dachräumen für Luft und Ordnung zu sorgen, statt auf ihnen zerbrochene Ziegel, alte Schieferplatten, Lehmbrocken und Holzbruch anzusammeln. Stehen Reparaturen an oder das schon lange geplante Großreinemachen, sind viele Hände nötig, ehrenamtliche oder teuer bezahlte.

"Bei uns leisten Ehrenamtliche schon so viel andere Dinge, dass wir für diese notwendige Pflegemaßnahme die Zusammenarbeit mit dem Verein DIE BOJE gesucht haben", sagt Hardy Rylke, geschäftsführender Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde Weimar, die selbst Mitglied in diesem gemeinnützigen Verein ist. Vor fünf Jahren war DIE BOJE als offizieller Förderverein des Jugendarrestes und der Jugendstrafanstalt Ichtershausen, Zweigstelle Weimar, auf Initiative von Pfarrer Bernd Müller gegründet worden. Als Gefängnisseelsorger in Weimar weiß er, wie wichtig die Arbeit mit straffällig gewordenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist, damit wenigstens einigen die Wiedereingliederung in die Gesellschaft gelingt. Denn mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind alle der 18- bis 20- Jährigen, die hier nun den Dreck anderer wegmachen. Und sie sind trotz der anstrengenden Arbeit und des vielen Staubes gut gelaunt, steigen während dieser Tage viele Male die 143 Stufen in jede Richtung. Sie seien unter 20 Arrestanten für diese Tätigkeit ausgewählt worden, stellen sie mit ein wenig Stolz fest. Er hätte jede Arbeit gemacht, Hauptsache mal raus, was anderes sehen, irgendwas Nützliches machen, sagt Mathias, der wegen Schwarzfahrens einige Wochen einsitzt. Und ich habe neue Bekannte gefunden, das ist auch gut. Die großen Glocken und der riesige Turm hätten die jungen Männer beeindruckt, sagt Jörg Conrad, der vom Verein DIE BOJE warmherzig wie konsequent und kompetent dieses Projekt mit straffällig gewordenen Jugendlichen betreut, die erstmalig in der Klassikerstadt im denkmalgeschützten Bereich eingesetzt werden.

Arbeiten in dieser ungewohnten Umgebung – denn auf einem Kirchturm war zuvor keiner – und gemeinsam etwas schaffen, das sind wichtige Erfahrungen, die sich mit Stichworten wie Erfolgserlebnis, Horizonterweiterung, Verantwortungsgefühl, Gemeindenähe oder Beziehungsgeflecht erweitern ließen. Die Schuttberäumung auf dem Turm der Herderkirche in Weimar aber ist nur eine Aktion der BOJE. Da die Arrestanten nicht selten mit der rechtsradikalen Szene sympathisieren, arbeitet der Verein auch mit der Gedenkstätte Buchenwald zusammen, erscheint die Konfrontation mit den Geschehnissen im ehemaligen KZ als sinnvoll und heilsam, wie Erfahrungen zeigen. Die etwa 20 Vereinsmitglieder der BOJE, von denen  zehn ehrenamtlich aktiv sind, leisten viel als Ansprechpartner während des Strafvollzuges und danach: Präventionsangebote, Freizeitgestaltung,  Sport, Gesprächsgruppen, Wiedereingliederungshilfe und als Betreuer für den erhofften Neubeginn.

Bei den fünf sympathischen Jugendlichen vor der Weimarer Stadtkirche, die gerade ihre Eimer auskippen, heißen die Zukunftspläne Schulabschluss machen, Installateurlehre fortsetzen oder die erhoffte Anstellung als Dachdecker bekommen, für die in der nächsten Woche das Vorstellungsgespräch in Hessen sein wird. An Muskelkraft mangelt es ihnen nicht, hoffentlich haben sie auch die Kraft für einen echten Neubeginn und Menschen an ihrer Seite, die fordern und fördern.


20. März 2005 Palmsonntag F12194
 


Sie schippten den Dreck in Eimern und ließen sie am Flaschenzug hinab.  Sind auf diese Weise 20 bis 30 Eimer unten angelangt, geht es weiter zur nächsten Etappe.

So tragen sie Eimer um Eimer nach unten in den bereitstehenden Container und leeren diese dort aus. Dann beginnt alles wieder von vorn.

 

 

Natürlich gab es für die Jugendlichen auch eine wohl verdiente Stärkung, zumal sie wirklich gute Arbeit geleistet haben.

Die Aussicht auf die Dächer Weimars vom Kirchturm der Stadtkirche, war für die Jugendlichen sicher auch eine kleine Belohnung für diese ungewöhnliche und ungewohnte Arbeit.

 

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